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Tanguy Viel: Das Mädchen, das man ruft

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 29.03.2022

Wo beginnt der sexuelle Missbrauch? Diese seit Beginn der Me-too-Debatte allgegenwärtige Frage erkundet der französische Schriftsteller Tanguy Viel in seinem achten Roman „Das Mädchen, das man ruft“. Er spielt im Schattenreich der politisch Mächtigen.

Normalerweise gibt es in den Romanen von Tanguy Viel – etwa in „Unverdächtig“ oder in „Das absolut perfekte Verbrechen“ – viel zu lachen. Denn er ist ein Meister des parodistischen Spiels mit den klassischen Motiven, Plots und Mythen des Krimi-Genres. In seinem achten Roman „Das Mädchen, das man ruft“ ist das anders. In ihm dominiert die Beklemmung. Das liegt an seinem Stoff: die seit Beginn der Me-too-Debatte allgegenwärtige Frage, wo der sexuelle Missbrauch beginnt. 

Beim Besuch von Laura im Rathaus ist das Prinzip aber sofort klar: Tue ich dir einen Gefallen, tust du mir einen. Die Gesten des Bürgermeisters lassen keine Zweifel zu. Druck muss er kaum ausüben, um Laura als Gegenleistung für die Stelle im Casino seines alten Weggefährten dort regelmäßig zum schnellen Sex treffen zu können. Doch als der Bürgermeister zum Minister in Paris aufsteigt, erstattet sie Anzeige.

So hart die Thematik ist: Von Beginn an lässt Tanguy Viel – wie gewohnt – an seinen hohen stilistischen Selbstansprüchen keinen Zweifel. Vor allem bei der Übersetzung seiner genau austarierten Schachtelsätze kann Hinrich Schmidt-Henkel seine Klasse demonstrieren. Bestechend ist der Roman „Das Mädchen, das man ruft“ nicht nur durch den gut geschnittenen, spannenden Plot und starke Metaphern, sondern auch durch die Dynamik des Diffusen.

https://www.deutschlandfunk.de/das-maedchen-das-man-ruft-100.html

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Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783803133458
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