Javier Marías: Tomás Nevinson
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 9.10.2022
Eheromane und Spionage-Thriller und am besten noch eine Kombination aus beidem: Javier Marías letzter Roman „Tomás Nevinson“ zeigt noch einmal die Meisterschaft des überraschend verstorbenen Romanciers.
Häufig genug täuscht man sich, wenn man glaubt, der eigene Wille, die eigenen Vorstellungen, Absichten und Wünsche seien für jeden offensichtlich. Selbst Menschen, die eng zusammenleben, Ehepaare beispielsweise, haben oft keine Ahnung, was im anderen vorgeht.
„So gut wie alles lässt sich leicht verbergen. Die Leute nehmen das Gegenteil an, aber im Grunde ist nicht viel dabei, von Natur aus sind wir undurchschaubar und ein Rätsel, und die Lüge sieht man nicht.“
So steht es in Javier Marías neuestem Roman. Und braucht die Liebe nicht ohnehin das Geheimnis? Wenn es einen Schriftsteller gibt, der dem Geheimnis manches zutraut und der immer wieder die Offenkundigkeit und zunehmende Banalität der Gegenwart beklagt hat, dann ist das – dann war das – Javier Marías, der große spanische Zauberkünstler des Doppelbödigen. Mit melancholischer Eleganz konnte er eine Liebes- und Ehegeschichte so mit dem Thrill eines Geheimdienst-Plots verknüpfen, dass ein faszinierendes Zeitporträt entstand, sogkräftig, dicht, aufwühlend. Der Tod, auch der vorgetäuschte Tod, spielt in seinen letzten beiden Romanen, „Berta Isla“ und „Tomás Nevinson“, eine dramaturgisch bedeutsame Rolle. Und ebenso der Mord aus mehr oder weniger politischen Motiven.
Der spanische Autor Javier Marías hatte seinen größten Erfolg mit dem Roman „Mein Herz so weiß“. Nun ist er mit 70 Jahren gestorben. Marías sei sowohl ein Nostalgiker als auch ein hochmoderner Schriftsteller gewesen, sagt Journalist Paul Ingendaay, https://www.deutschlandfunkkultur.de/zum-tod-von-javier-marias-100.html
Javier Marías war der Meister der literarischen Unschärferelation. Sein Werk steckt voller Gespenster. In einer seiner bekanntesten Geschichten, „Als ich sterblich war“, wird eines sogar zum Erzähler. Und es schildert, wie anstrengend es ist, nun alles zu wissen. „Das Leben ist barmherzig“, denkt es sich, weil vieles im Verborgenen bleibt. „Tomás Nevinson“ ist in gewisser Weise Javier Marías‘ „Madame Bovary“: eine fulminante Art „c’est moi“ zu sagen – „das bin ich“.
https://www.deutschlandfunk.de/unersaettliche-gespenster-100.html