Daniel Kehlmann: Tyll

hr-iNFO Büchercheck vom 19.10.2017. Seit wenigen Tagen ist er im Buchhandel: der neue Roman von Daniel Kehlmann. Wie sein Welterfolg „Die Vermessung der Welt“ ist „Tyll“ ein historischer Roman. „Tyll“ spielt in der Zeit des Dreissigjährigen Krieges. Seine Hauptfigur heißt „Tyll Ulenspiegel“ – Ähnlichkeiten mit dem mittelalterlichen Narr Till Eulenspiegel sind nicht zufällig, wenn auch historisch nicht ganz korrekt. hr-iNFO-Büchercheckerin Hardwiga Fertsch-Röver hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Tyll ist der Sohn eines Müllers irgendwo in Süddeutschland zu Beginn des 17. Jahrhunderts. Sein Vater Claus Ulenspiegel betreibt seine Mühle mehr schlecht als recht, die Dorfbewohner schätzen ihn aber auch als Wunderheiler und Kenner von Zaubersprüchen. „Am Kopfende des Tisches spricht der Müller über Sterne. Seine Frau und sein Sohn und seine Knechte und die Magd tun, als würden sie zuhören. Es gibt Grütze (...) Im Fenster hält eine dicke Scheibe den Wind ab, unter dem Herd, der zu wenig Wärme abstrahlt, balgen sich zwei Katzen, und in der Ecke der Stube liegt eine Ziege, die eigentlich drüben im Stall sein müsste, aber keiner mag sie hinauswerfen, denn alle sind müde, und ihre Hörner sind spitz. Neben der Tür und um das Fenster sind Pentagramme eingeritzt, der bösen Geister wegen.“
Die angebliche Zauberkunst des Vaters erregt den Verdacht der Hexenverfolger, die ihm den Prozess machen und auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Sein Sohn Tyll, der sich selbst das Jonglieren und Seiltanzen beigebracht hat, flieht mit der Bäckerstochter Nele aus dem Dorf. Als Gaukler schlagen sie sich durch das vom Krieg zerstörte Land, treffen auf wahre und erfundene Figuren. Schließlich wird Tyll Hofnarr bei Friedrich V., dem Kurfürsten der Pfalz, der mit seinem Anspruch auf den böhmischen Thron den Dreissigjährigen Krieg anzettelte, und fortan als Winterkönig verspottet durch die von Territorialkämpfen und Religionskriege verwüsteten Lande reist.

Wie ist es geschrieben?
Daniel Kehlmann zieht uns ganz nah hinein in die Atmosphäre der damaligen Zeit. Der Trick des Erzählers: Gaukler Tyll schwebt irgendwo dazwischen, ist überall und nirgendwo. Und macht dabei das, was ein Narr zu tun hat: er hält den Menschen einen Spiegel vor und lacht sich dabei ins Fäustchen. Kehlmann hat sich gehütet, die Sprache der Zeit nachzuahmen. In seinen Schilderungen schwingt der Sound mit von Grimmelshausens Simplicissismus und den Märchen der Brüder Grimm, dennoch bleibt die Sprache klar und distanziert.

Wie gefällt es?
Der Roman „Tyll“ hat mir das überraschende Leseerlebnis beschert, dass mir eine ziemlich schreckliche und grausame Epoche ganz nahe rückte, ich mich aber dennoch dabei bestens unterhalten habe. Es macht Spaß, dem spannungsreich komponierten Erzählreigen mit wechselnden Perspektiven und sich kreuzenden Handlungssträngen zu folgen. Wieder ist Daniel Kehlmann das Kunststück gelungen, einen historischen Stoff in ein großes Lesevergnügen zu verwandeln.

Kehlmann, Daniel
Rowohlt Verlag
ISBN/EAN: 9783498035679
22,95 €
Kategorie:
hr-iNFO