Vladimir Sorokin: Nastja

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 18.08.2022

Kremlnahe Jugendliche warfen seine Bücher öffentlich in eine riesige Toilette, was dem im Exil lebenden Moskauer Schriftsteller Vladimir Sorokin vermutlich gefallen hat. In „Nastja“ erzählt er von der Perversion der russischen Intelligenzia, die ihre eigene Freiheit aufgefressen hat.

Eigenes und Fremdes, Außen und Innen sind begrifflich trennbar, im Leben des Menschen jedoch nicht. Ständig durchquert ihn Fremdes, wird Äußeres Inneres. Die häufigste Form dieser Überschreitung ist das Atmen, die alltäglichste wahrscheinlich das Essen.

„'Im Namen des Ewigen.‘ Der Vater nickte (dem Koch) zu. Saweli legte eine riesige, eiserne Schaufel mit baumelnden Ketten auf den Tisch. ‚Legen Sie sich hin, Nastassja Sergejewna.‘
Nastja trat unsicher vor die Schaufel hin. Der Vater und Saweli packten sie und legten sie rücklings auf die Schaufel.
‚Die Beine so ...‘ Mit seinen fahlweißen, runzligen Händen knickte der Koch ihr die Beine in den Knien ein.“

Nastjas Opfer und Verspeistwerden sind Teil eines kulturellen Rituals – und ein an Deutlichkeit nicht zu überbietender Kommentar zur Perversion der russischen Gesellschaft. Vor dem Hintergrund des Ukrainekriegs mit vielen jungen, zu Beginn ahnungslosen Soldaten liest sich die grausame Parabel vom Anfang der Nullerjahre bestürzend aktuell. Daniel Richter übermalt oder überklebt in seinen Collagen auf recht eindeutige Weise schwarzweiße, an Max Ernst erinnernde historische Drucke, so dass ein gewaltsamer, jedoch nur sexueller Subtext ans Licht tritt. Um Verdrängtes, kulturell Untersagtes geht es Vladimir Sorokin allerdings nicht. Die Regression der russischen Gesellschaft liegt bei ihm offen zu Tage.

https://www.deutschlandfunk.de/die-koestliche-kruste-der-16-jaehrigen-100.html