Ursula Fricker: Gesund genug

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 11.10.2022

Hannes Vater sucht sein Heil in der Vollwertkost. Daran sollen er und die Welt genesen. Für dieses hehre Ziel müssen Frau und Kinder aufs schärfste kontrolliert und gemaßregelt werden.

Er zählt die Körner und Kerne für sein Müsli einzeln ab. Fleisch, Weißmehl und Süßigkeiten sind in seinen Augen reines Gift. Pop-Musik ist für ihn Schund und alle Menschen, die gegen seine Maßstäbe verstoßen, betrachtet er als Abschaum. Kurzum: Er tut alles, was für seine Gesundheit gut ist, die körperliche und die geistige. Zumindest glaubt er das fest und unbeirrbar.

Von diesem störrischen Mann erzählt Ursula Fricker in ihrem Roman „Gesund genug“. Oder genauer: Sie erzählt von den Auswirkungen, die der Gesundheitsfanatismus dieses Vaters auf seine Familie und besonders die Tochter Hanne hat.

Und sie erzählt von dem Scheitern des verbohrten Heilsuchers, das sich eines Tages in einer Diagnose manifestiert, die sein ganzes Sein und Denken widerlegt: Darmkrebs im Endstadium.

„Kurz vor der Diagnose hatte er noch einen Termin bei seiner Heilpraktikerin, und wie immer, nachdem er bei dieser Frau gewesen war, rief er mich an, stolz, als hätte er eben eine außergewöhnliche Leistung vollbracht; nichts als Licht habe sie in seiner Iris gesehen, gleißendes Licht, nicht den Hauch einer Krankheit. Drei Wochen später fehlte ihm die Kraft, am Morgen aufzustehen.“

„Gesund genug“ ist die Geschichte einer Befreiung. Sie beeindruckt durch starke Gefühle und existentiellen Ernst und – nicht zuletzt – durch eine allzumenschliche Komik, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt.

https://www.deutschlandfunk.de/ursula-fricker-gesund-genug-102.html