Thomas Hettche (Herausgeber): Es ist recht sehr Nacht geworden / Zwölf Essays zeigen Schreibende als Lesende
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 18.10.2022
Schulen des Lesens: Für den Band „Es ist recht sehr Nacht geworden“ hat Thomas Hettche zwölf Schriftstellerinnen und Schriftsteller animiert, sich mit ästhetisch wegweisenden Texten Heinrich von Kleists, Wilhelm Raabes und Gottried Benns zu befassen.
Schon die Ausstattung vieler Bücher Thomas Hettches hat etwas Programmatisches: In geprägtes Leinen gebunden, zumeist ohne glänzenden Schutzumschlag, verkörpern sie ein Formbewusstsein ebenso wie einen Literaturbegriff, der sich zu einer ästhetischen Tradition bekennt. Das damit verbundene Unbehagen den Dynamiken der digitalen Kultur gegenüber konnte man in der Vergangenheit immer wieder in Hettches Essays nachlesen.
Auch der Band „Es ist recht sehr Nacht geworden“, den Hettche initiiert und herausgegeben hat, beginnt mit einer Verlustmeldung. Im heutigen Medienwandel, so Hettche im Vorwort, gehe „das Verständnis für die Geschlossenheit eines literarischen Textes, das Wissen um seinen Traditionsraum, die Techniken seiner hermeneutischen Aneignung zunehmend verloren“.
Es gehört zum Wesen von Sammelbänden die Heterogenität der Beiträge. Vielleicht muss man das in diesem Fall gar nicht als schwankende Qualität der Essays begreifen. Stattdessen kann man sich über die so unterschiedlichen Zugriffe als kleine Schulen des Lesens freuen. Genauso wie darüber, dass die Essays, indem sie die Schreibenden als Lesende zeigen, nicht nur Einsichten in Kleist, Raabe und Benn eröffnen, sondern vor allem Einblicke geben in die jeweils eigene Poetologie der Beiträger und Beiträgerinnen.
https://www.deutschlandfunk.de/wenn-schreibende-lesen-100.html