Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 07.08.2022
Mit „Die Nacht unterm Schnee“ schließt Ralf Rothmann seine persönlich inspirierte Trilogie über den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegszeit ab. Im Zentrum steht die schwierige Beziehung der Eltern.
„Ich hab nicht all die Wörter, die mir sagen, was ich fühle“
lässt Ralf Rothmann seine Mutter klagen, schon fast am Ende dieses Romans, der ein gewagtes Unterfangen der Einfühlung ist. „Die Nacht unterm Schnee“ heißt der dritte Band einer Trilogie über die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs und die Nachkriegszeit oder genauer: über das, was diese Zeit aus den Menschen gemacht hat, die 1953 Ralf Rothmanns Eltern wurden. Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich Schriftsteller nach ihrer Sturm-und-Drang-Zeit den Eltern widmen. Oft dann, wenn sich die eigene Lebensphase dem Alter nähert und plötzlich Verständnis oder gar Neugier aufkommt. Nicht nur aus Gründen der Diskretion werden diese Romane erst nach dem Tod der Eltern begonnen, etwa wenn Fotos, Briefe, Tagebücher, Dokumente auftauchen und sich plötzlich ein Stoff darbietet, der in der Jugend eher Fluchtreflexe auslöst.
Sich das Leben der Eltern zurechtzulegen, das nolens volens auf die eigene Existenz zuläuft, bedeutet auch das Versprechen einer symbolischen Neugeburt. Es ist eine Form der Selbstvergewisserung, in der die Phantasie eine mindestens ebenso große Rolle spielt wie biografische Eckdaten. Geformt wird gewissermaßen die eigene Vorgeschichte, eine rückwärtsgewandte Projektion subjektiver Teleologie.
Ralf Rothmann ist ein weiteres Mutter-Buch mit starker Epochensignatur und gehörigem Eigensinn gelungen. Seine zentralen Metaphern sind der Himmel und die Höhle, der Atem, die Luft, der Schrei. Sie sind in dieser Geschichte immer doppelt konnotiert: kreatürlich und poetisch. „Die Nacht unterm Schnee“ ist Ralf Rothmanns Meisterstück, selten ging seine Poetologie so eindrucksvoll auf wie hier. Es ist seine „Ästhetik des Widerstands“, keine proletarische Wunschbiografie wie bei Peter Weiss, sondern ein Schutzwall aus Worten gegen das elterliche Schweigen und die Wiederholung transgenerationaler Traumata.
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