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Mariam Kühsel-Hussaini: Emil

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 18.9.2022

Der rumänische Philosoph Emil Cioran war ein vitalistischer Todessehnsüchtiger und ein früher Bewunderer Adolf Hitlers. Mariam Kühsel-Hussaini erzählt, wie er 1933 mit einem Stipendium ins nationalsozialistische Berlin kommt und seine geistige Heimat zwischen Schlägerbanden, Mordkommandos und Totenkopf-Anbetern findet.

Die menschliche Destruktivität bleibt rätselhaft. Auch im Jahr 2022 steht unsere Zivilisation wie fassungslos vor Krieg, Missbrauch und Mord, vor dem um sich greifenden Wahnsinn der Normalität. Eine Möglichkeit von Literatur ist die poetische Einfühlung in Zustände menschlicher Zerstörungswut. Zu diesem Zweck führt Mariam Kühsel-Hussaini die Figuren ihres neuen Romans „Emil“ zurück in die 1930er Jahre, als nationalsozialistische Schergen ihre privatime Psychopathologie zum allgemeinen Gesetz erhoben.

Ihr Roman macht den unheimlichen Grenzbereich zwischen Zivilisation und Barbarei sichtbar – auf roh-körperlicher wie auch auf geistiger Ebene. Denn zahlreiche Intellektuelle biederten sich dem nihilistisch gestimmten Regime der Nationalsozialisten an, das gut zur allgemeinen, seit dem Ersten Weltkrieg kurrenten Stimmung passte. Man denke an Figuren wie Arnold Gehlen, Martin Heidegger oder Carl Schmitt. In Kühsel-Hussainis Roman steht ein weiterer Bewunderer Adolf Hitlers im Mittelpunkt, der rumänische Nihilist und Neo-Nietzscheaner Emil Cioran. Der lebte tatsächlich von 1933 bis 1935 in Berlin und erhielt dort Zugang zu verschiedenen Kreisen des sich mehr und mehr ausdifferenzierenden Parteikaders. Zu Beginn des Romans ist er untergebracht bei der rührigen Witwe Heilscher, die ihm Abendbrot bereitet und in geradezu kindlicher Weise vom Nationalsozialismus schwärmt.

„Hier sind Se jut uffjehoben, junga Mann. In unserm Führa und Reichskanzla Adolf Hitla verwürklicht sich würklich allet, woranet sich zu globen lohnt. Jibt nüscht andret als Nationalsozialist zu sein. Dit is dit einzich Richtje. Hab ja jetze sogar ne Krankenvasicharung! Tüchtich müssen Se sein, junga Mann, tüchtich!’“

Die menschliche Destruktivität ist rätselhaft, auch im Jahr 2022. Doch mit Mariam Kühsel-Hussainis „Emil“ lassen sich die mannigfaltigen Urgründe dieser Destruktivität erfassen. Dieser Roman ist ein seltenes Zeugnis poetischer Könnerschaft. Ihm gelingt, in einer Weise auf die nationalsozialistische Schreckensherrschaft zu blicken, die schlechterdings auch jene berühren muss, die lange nach dieser Zeit geboren wurden. Mit diesem „Emil“ festigt Mariam Kühsel-Hussaini ihre Ausnahmestellung im vielstimmigen Kanon der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

https://www.deutschlandfunk.de/was-nazis-traeumten-100.html

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783608983517
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