Kaspar Colling Nielsen: Mount Copenhagen
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 18.01.2022
In seinem Erzählband „Mount Copenhagen“ entwirft der dänische Autor Kaspar Colling Nielsen eine Welt mit Vogelmenschen, neuen Klimazonen und einer Gesellschaft, die im Schatten des Berges bizarrste Lebensweisen ausprägt. Dabei entstehen kleine Zivilisations- und Schöpfungsgeschichten.
Der fiktive Mount Copenhagen, der eigentliche Protagonist in Kaspar Colling Nielsens gleichnamigem Erzählband, erinnert an die großen Bauprojekte der Menschheitsgeschichte, an die Chinesische Mauer oder den Panama-Kanal:
„Vor langer Zeit beschloss die dänische Regierung, einen Berg auf Avedøre Holme errichten zu lassen. Der Bau dauerte 200 Jahre. Am Ende ragte der Berg 3.500 Meter in die Höhe, hatte einen Umfang von 55 Kilometern und eine Fläche von 590 Quadratkilometern.“
Menschheitstraum und XXL-Baustelle, Landschaftsreplikat und Kapital-Investment: Der Mount Kopenhagen ist in jeder Hinsicht ein besonderes Wahrzeichen. Der narrative Clou besteht darin, dass dessen megalomanische Einzigartigkeit in Nielsens 17 Erzählungen gar nicht groß thematisiert wird. Der Bau mitsamt riesigem Blitzableiter und einer Kompostieranlage in seinem hohlen Innern ist abgeschlossen; schon entstehen Wohnsiedlungen an seinen Hängen, während sich in den Wäldern Wildkatzen, Papageientaucher und Bergziegen ansiedeln.
In dieser topographischen Anomalie, in der Natur zerstört wurde, um sie in anderer Form wieder aufleben zu lassen, in diesem bizarren Areal siedelt der Autor seine irrealen, ja irrealistischen Erzählungen an. Es sind kleine Zivilisations- und Schöpfungsgeschichten, die vom Leben und Sterben, vom Glück und Unglück im Schatten des Berges künden.
https://www.deutschlandfunk.de/der-berg-als-visionaeres-terrain-100.html