Ingo Schulze: Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte ... Essays
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 04.02.2022
Der 1962 in Dresden geborene Autor Ingo Schulze zeigt sich in seiner neuen Essaysammlung wieder einmal als eine sensibel aufklärerische, kapitalismuskritische Stimme aus dem Osten. Dabei verbindet er konzise literarische Analysen mit den Erfahrungen seiner politischen Biografie.
Die Art und Weise, wie Schriftsteller sich politisch zu Wort melden, hat sich in den letzten Jahren sehr geändert. Es gibt Beiträge zu einer „Debattenkultur“, die vor allem auf Distinktionsgewinn im literarischen Markt zielen und niemandem weh tun. Es gibt aber auch streitbare politische Wortmeldungen, die einen unausgesprochenen öffentlichen Konsens in Frage stellen.
Der 1962 in Dresden geborene Ingo Schulze gehört zu letzterer Kategorie. Dabei scheint er sich erst allmählich, und zwar ziemlich lange nach dem Fall der Mauer, als ehemaligen, von sozialistischen Utopien geprägten Bürger der DDR wahrgenommen zu haben. Dadurch wird er unbequem. Sein Essayband sammelt verschiedenste Texte zur Tagespolitik, zum offiziellen Sprachgebrauch, aber auch zu literarischen und essayistischen Themen. Der Titel stammt aus einem Aphorismus des Aufklärers Georg Christoph Lichtenberg: „Der Amerikaner, der den Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung“. Für Schulze ist diese Umkehrung der Perspektive zentral. Er irritiert damit vermeintliche Selbstverständlichkeiten unserer westlichen Zivilisation, also des Kapitalismus. 2017 stellte er in einer großen öffentlichen Rede fest:
„Jetzt rächt sich die Politik der letzten Jahrzehnte, die der Gesellschaft nicht viel mehr als Marktgläubigkeit anzubieten hatte, in der Privatisierung, betriebswirtschaftliche Effizienz und Wachstum die Kriterien nicht nur für die Ökonomie, sondern die gesamte Gesellschaft wurden und die eine Vereinzelung und sozial-ökonomische Polarisierung bewirkt haben, die ein Wir nur noch als Sentimentalität erträgt.“
„Wir müssen das Selbstverständliche und Bekannte als das Fremde und Unbekannte zeigen. Die Literatur muss auf Schritt und Tritt staunen und nichts als gegeben hinnehmen. Das wäre die Voraussetzung, um jene zu attackieren, die die Welt nach ihren Interessen und Bedürfnissen einrichten, um sie dann als gegeben und unveränderlich hinzustellen.“
Dieses Buch ist, obwohl es auf den ersten Blick wie eine Sammlung von Gelegenheitsarbeiten daherzukommen scheint, ein spannender Einblick in die Inspirationsquellen eines kritischen Ästheten.
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