Fatma Aydemir: Dschinns

Buchempfehlungen des Deutschlandfunks vom 13.02.2022

In ihrem zweiten Roman „Dschinns“ erzählt die Journalistin und Schriftstellerin Fatma Aydemir von einem Mann, der sich in Deutschland totgearbeitet hat. Und von den Versuchen seiner Kinder, in einem Land heimisch zu sein, in dem sie sich nicht willkommen fühlen.

Vor drei Jahren erschien ein Band mit dem provokativen Titel „Eure Heimat ist unser Albtraum“. Die 14 darin gesammelten Texte beleuchteten unterschiedliche Aspekte der deutschen Gegenwart aus der Perspektive von Schriftstellern mit Migrationserfahrung. Auch Fatma Aydemir, neben Hengameh Yaghoobifarah eine der beiden Herausgeberinnen des Buchs, steuerte einen Beitrag bei.

„Ich bin im Deutschland der Neunzigerjahre aufgewachsen, in dem die widersprüchlichen Parolen ‚Ausländer sind faul‘ und ‚Ausländer nehmen uns die Arbeit weg‘ teilweise aus denselben Mündern miteinander konkurrierten. In meiner eigenen Familie, die über das Anwerbeabkommen zwischen der BRD und der Türkei in den frühen Siebzigerjahren eingewandert ist, konnte es sich weder jemand leisten, faul zu sein, noch, irgendwem die Arbeit wegzunehmen. Alle arbeiteten immer in den Jobs, die nicht für Deutsche, sondern für sie vorgesehen waren. Leute wie mein Großvater wurden angeworben, weil sie leichter ausgebeutet werden konnten als inländische Arbeiter_innen.“

Der Großvater hat in einem industriellen Betrieb harte Arbeit verrichtet, sich buchstäblich den Rücken krumm geschuftet, vier Kinder großgezogen und währenddessen immer Geld beiseitegelegt, um sich den Traum einer eigenen Wohnung zu verwirklichen. Nicht dort, wo er hergekommen ist, nicht in dem Dorf an der Grenze zu Armenien, sondern in der großen, zwei Tagesreisen entfernten Stadt Istanbul. Dieser Tag könnte also ein Höhepunkt in Hüseyins Leben sein:

„Und nun hast du es endlich geschafft. Du bist neunundfünfzig und Eigentümer. Wenn in ein paar Jahren Ümit die Schule beendet und du endlich Deutschland, dieses kalte, herzlose Land, verlassen kannst, dann gibt es diese Wohnung hier mit deinem Namen auf dem Klingelschild. Hüseyin! Du hast endlich einen Ort gefunden, den du dein Zuhause nennen kannst.“

Identität und fluide Sexualität, weibliche Selbstermächtigung und staatliche Gewalt gegen marginalisierte Gruppen, Rassismus, Klassismus und ein patriarchalisch geordnetes Wertesystem – es gibt kaum ein Schlagwort des aktuellen Diskurses, das Fatma Aydemir auslässt. „Dschinns“ ist sowohl ein Buch der Zeit als auch des Zeitgeistes.

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