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Elfriede Jelinek: Angabe der Person

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 15.11.2022

Vor einiger Zeit bekam Elfriede Jelinek, Nobelpreisträgerin aus Wien mit Zweitwohnsitz in München, Besuch von der deutschen Finanzpolizei. Das traumatische Erlebnis hat sie in der genreoffenen Anklageschrift „Angabe der Person“ aufgearbeitet.

Steuerfahndung bei Elfriede Jelinek: Da muss es ganz schön heftig zur Sache gegangen sein, wenn man der literarischen Anklageschrift glauben darf, die die Autorin da im typischen Jelinek-Sound auf 192 Seiten zu Papier gebracht hat. Adressat der Jelinekschen Attacke: das literatur- und theaterinteressierte Publikum – und ein bisschen wohl auch die deutsche Bundesfinanzbehörde, die der Nobelpreisträgerin mit Hausdurchsuchung, Festplattenbeschlagnahmung und allem, was man seinem ärgsten Feind nicht wünscht, auf den Leib gerückt zu sein scheint:

„Sie haben ganz recht, Ausländer nicht zu mögen, es ist sogar Ihr gutes Recht ...“

... spricht Jelinek die bayerischen Finanzfahnder direkt an. Um anschließend die Demütigungen zu beschreiben, denen sie – wenn ihre Schilderungen denn dokumentarisch zu verstehen sein sollten – in ihrem Münchner Zweitwohnsitz ausgesetzt war.

„Hausdurchsuchungen in meiner Wohnung ... Vor jeder Zimmertür ein stiller Beamter, er darf ja nichts sagen, auch vor der Klotür einer, nehmen Sie nichts raus, und geben Sie nichts rein! Wo werd ich denn! Ich bin ja gar nicht da!, oder sehen Sie mich hier irgendwo? ... Sie laden sich meine Festplatte, die eh schon geladen genug ist, auf Ihre kleine tragbare, die beim Anblick meiner Daten gleich zu ächzen und zu stöhnen beginnt, herunter. Bitte nicht das auch noch! Und das auch noch mir! Das ist meine kleine Welt, die ist mein und ohne Sorgen.“

Wie das Steuerverfahren gegen Elfriede Jelinek ausgegangen ist, wird im Text nicht wirklich mitgeteilt. Den deutschen Finanzbehörden kommt jedenfalls das Verdienst zu, die Autorin in heiligen Zorn versetzt zu haben – und damit auch in einen kreativen Furor, der das Schreiben dieses Textes überhaupt erst ermöglicht hat. Jelinek sollte versuchen, allfällige Nachzahlungen an den Fiskus von der Steuer abzusetzen. Da dürfte sie gute Chancen haben.

https://www.deutschlandfunk.de/unter-verdacht-108.html

Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783498003180
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