Daniela Dröscher: Lügen über meine Mutter

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 24.08.2022

Daniela Dröscher erzählt in „Lügen über meine Mutter“ von einer Frau, die sich dagegen wehrt, den Schönheitsidealen ihres Mannes ausgeliefert zu sein. Ein beeindruckender Roman über die fatale Dynamik einer Ehe und gesellschaftliche Zuschreibungen und Zurichtungen.

Der Titel dieses Romans lässt sich – mindestens – in drei Variationen verstehen. Zum einen als poetologische Selbstbeschreibung. Denn wenngleich Daniela Dröscher in „Lügen über meine Mutter“ offenkundig von ihrer eigenen Mutter erzählt, bedeutet jede Fiktionalisierung einer Biographie natürlich: Verschiebung, Erfindung, Auslassung. Eben: Lüge, allerdings um der Erkenntnis willen:

„Die Geschichte, die mir vorschwebt, ist eine Geschichte mit viel Schminke, blonden Perücken, Trapez und doppeltem Boden. Eine in vielerlei Hinsicht absolut fiktive Geschichte. In der Philosophie beschreibt die Fiktion ein ‚methodisches Hilfsmittel bei der Lösung eines Problems.‘“

„Lügen. Über meine Mutter“, so ließe der Titel sich ebenfalls lesen. Denn eingeklemmt in das Korsett ihrer Ehe und das rheinlandpfälzische Dorfleben der 1980er Jahre, die Schwiegereltern nur eine Treppe tiefer, der Briefkasten ein gemeinsamer – biegt die Mutter, von der Dröscher erzählt, die Wahrheit immer einmal wieder ein wenig zurecht. Aus Not: um den notorischen Schikanen durch den Ehemann zu entgehen.

Und so erzählt „Lügen über meine Mutter“ nicht nur eine unerhörte familiäre Tragödie, sondern weit über das Private hinaus ein immer noch unterbelichtetes Kapitel weiblicher Alltags- und Sozialgeschichte. Daniela Dröscher in einem Atemzug mit Annie Ernaux zu nennen, ist unbedingt angemessen.

https://www.deutschlandfunk.de/im-korsett-der-ehe-100.html


Bibliographie
Tipp
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Lügen über meine Mutter
Daniela Dröscher
Lügen über meine Mutter
Roman - Ab 08. Oktober im Kino
EAN: 978-3-462-00199-0
Daniela Dröscher erzählt vom Aufwachsen in einer Familie, in der ein Thema alles beherrscht: das Körpergewicht der Mutter. Ist diese schöne, eigenwillige, unberechenbare Frau zu dick? Muss sie dringend abnehmen? Ja, das muss sie. Entscheidet ihr Ehemann. Und die Mutter ist dem ausgesetzt, Tag für Tag. 'Lügen über meine Mutter' ist zweierlei zugleich: die Erzählung einer Kindheit im Hunsrück der 1980er, die immer stärker beherrscht wird von der fixen Idee des Vaters, das Übergewicht seiner Frau wäre verantwortlich für alles, was ihm versagt bleibt: die Beförderung, der soziale Aufstieg, die Anerkennung in der Dorfgemeinschaft. Und es ist eine Befragung des Geschehens aus der heutigen Perspektive: Was ist damals wirklich passiert? Was wurde verheimlicht, worüber wurde gelogen? Und was sagt uns das alles über den größeren Zusammenhang: die Gesellschaft, die ständig auf uns einwirkt, ob wir wollen oder nicht? Schonungslos und eindrücklich lässt Daniela Dröscher ihr kindliches Alter Ego die Jahre, in denen sich dieses  'Kammerspiel namens Familie' abspielte, noch einmal durchleben. Ihr gelingt ein ebenso berührender wie kluger Roman über subtile Gewalt, aber auch über Verantwortung und Fürsorge. Vor allem aber ist dies ein tragik-komisches Buch über eine starke Frau, die nicht aufhört, für die Selbstbestimmung über ihr Leben zu kämpfen. 

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