Annie Ernaux: Das andere Mädchen und Der junge Mann
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 17.10.2022
Literatur-Nobelpreisträgerin Annie Ernaux engagiert sich für die politische Linke und veröffentlicht weiter autofiktionale Bücher: „Das andere Mädchen“ über ihre verstorbene Schwester. Und einen Text über die Affäre mit einem sehr viel jüngeren Mann (liegt derzeit nur in der französischen Originalfassung vor, die deutsche Übersetzung ist für den 16.1.2023 angekündigt).
Die Nobelpreisträgerin verlässt ihren Garten – und ist so überwältigt von dem, was sie in ihrer Küche gerade im Radio gehört hat, dass sie sich nicht in der Lage sieht, den wartenden Journalisten einige Worte in die Mikrofone zu sagen:
„Je ne peux pas. Je suis heureuse, je suis fière“
In diesem Haus in Cergy, gut 30 Kilometer nordwestlich von Paris, wohnt und schreibt die 82-Jährige seit fast einem halben Jahrhundert.
Kurze Zeit danach sitzt Annie Ernaux im eleganten Stadtpalais ihres Verlags Gallimard im Faubourg St. Germain. Mehr pariserisches Kultur- und Literatur-Establishment geht nicht. Die Chronistin der Unterprivilegierten tritt aus einer vornehm verzierten, hohen Altbau-Tür – ganz ähnlich der, die sich um 13 Uhr an diesem 6. Oktober in Stockholm im Börshuset geöffnet hatte: Den Fokus auf soziale Ungerechtigkeiten, den die schwedische Akademie in ihrer Begründung hervorgehoben hatte, greift die neue Nobelpreisträgerin gleich in ihren ersten Sätzen auf. Ebenso wie ihren Einsatz für die Rechte der Frauen.
Die Chronistin der sozial und durch ihr Geschlecht an den Rand Gedrängten, die Schriftstellerin, die ihr Schreiben „zwischen Literatur, Soziologie und Geschichte“ einordnet, hat angekündigt, dass sie weiterhin mit Entschiedenheit das Wort ergreifen will: Ihre Rede zur Verleihung des 119. Nobelpreises am 10. Dezember in Stockholm wird auf jeden Fall eine „engagierte“ sein. „Cela sera un discours engagé“.
https://www.deutschlandfunk.de/frankreichs-ikone-der-autofiktion-100.html