Alexa Hennig von Lange: Die karierten Mädchen

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 10.08.2022

Mehr als 130 Tonbandkassetten mit Lebenserinnerungen hat ihre Großmutter hinterlassen. Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange macht daraus einen Roman, der von einer besonderen Karriere im nationalsozialistischen Deutschland erzählt.

Klara Möbius ist 91 Jahre alt, kann nichts mehr sehen und lebt trotzdem allein in einem Reihenhaus, irgendwo in Norddeutschland. Es ist das Jahr 1999, Klaras gelebtes Leben umfasst also beinahe das ganze 20. Jahrhundert. Ein guter Zeitpunkt, um sich zu erinnern:

„Klara spürte, wie sie von einem inneren Zittern erfasst wurde. (…) Vielleicht war es Zeit, ihren Kindern endlich zu erzählen, wer ihre Mutter wirklich gewesen war. Was sie erlebt hatte, als sie Anfang zwanzig war. Was sie getan hatte und warum. Dieser Teil ihrer Erinnerungen war düster und schmerzhaft. In ihm tobten Schuld und Verzweiflung, Sehnsucht und Liebe.“

Diese Art von Schicksalsergebenheit umwabert den Plot des Buches. Die Entscheidungen der Hauptfigur wirken alternativlos und nähren die Mär von den ahnungs- und machtlosen Deutschen. Immer wieder springt der Roman, der die Jahre zwischen 1929 und 1939 erzählt, ins Jahr 1999 vor, zur alt gewordenen Klara. Doch diese Passagen bleiben ohne Widerhall, dienen nur dem Spiel mit der Authentizität, weil man dort Klara beim Aufnehmen der Kassetten über die Schulter sieht.

Alexa Hennig von Lange erzählt unkompliziert, tendiert aber zum Auserzählen. Zu oft folgt noch ein erklärendes Wort und verdeutlicht, was ohnehin deutlich zu Tage tritt. „Die karierten Mädchen“ bleibt ein schwungvoller Unterhaltungsroman auf leicht verfälschter biographischer Grundlage. Das liest sich locker, ergründet das beredte Schweigen der Großmutter aber nicht.

https://www.deutschlandfunk.de/karriere-unter-dem-hakenkreuz-100.html


Bibliographie