Aboud Saeed: Die ganze Geschichte

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 11.01.2022

Neues vom King of Facebook.

Unter dem Titel „Der klügste Mensch im Facebook“ hat der Mikrotext-Verlag vor acht Jahren eine Sammlung von Statusmeldungen des syrischen Schmieds und Bloggers Aboud Saeed herausgegeben. Seitdem lebt und postet Saeed in Berlin. Nun ist mit „Die ganze Geschichte“ die Fortsetzung des Buches erschienen.

„Ich liebe Berlin“, schreibt Aboud Saeed in einem seiner letzten Posts. Acht Jahre lebt er nun schon hier und genießt das Anything goes der anonymen Metropole. Es ist das Gegenteil dessen, womit er groß geworden ist.

„Mein ganzes Leben habe ich in Manbidsch verbracht, immer auf dem Zahnfleisch. Und mit einem Satz befand ich mich plötzlich in Berlin. Vom Gedränge, wo sich jeder ständig in dein Leben einmischt, zur Einsamkeit, wo sich kein Mensch um dich schert.“

Mit einem Mal ist Saeed selbst Teil jener Welt, die er vorher nur aus den Medien kannte: die Welt der Demokratie und der Wissenschaft, oder schlicht: des Westens.

„Und in dieser Zwischenwelt waren mir die Facebookwände der einzige Begleiter. Sie dienten mir als digitales Tagebuch, dort schrieb ich meine Tage hinein, einen nach dem anderen.“

Nun muss man sich hüten, Facebook als Tagebuch zu verstehen, denn ein Tagebuch schreibt man für sich selbst, Facebook dagegen immer für andere. In anderer Hinsicht stimmt der Vergleich mit dem Tagebuch dagegen: Saeeds Buch ist keine Autobiografie, wie der Titel „Die ganze Geschichte“ nahelegt, sondern eine Abfolge mal klug-spritziger und mal eher belangloser Gedanken – jeweils versehen mit dem Datum des Posts und der Zahl der Love-Reaktionen, die er dafür bekommen hat. Es wirkt wie eine Sammlung von Aphorismen, der rote Faden lautet: Ich!

„Aboud Saeed ist einer der besten Schriftsteller der Welt“. Mit diesem Zitat von ARTE wirbt der Verlag auf der Rückseite für das Buch. Nein, ist er nicht, und er muss es auch nicht. Er ist ein Schmied und „Stadtbeduine“, wie er sich selbst nennt, der keine Lust auf Krieg hat und uns an seinen Gedanken teilhaben lässt – auf der linken Seite auf Arabisch, und auf der rechten, dank der Übersetzerin Sandra Hetzl, auf Deutsch. Das sollte doch eigentlich reichen.

https://www.deutschlandfunk.de/neues-vom-king-of-facebook-100.html

 


Bibliographie
Tipp
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Die ganze Geschichte
Aboud Saeed
Die ganze Geschichte
Zweisprachige Ausgabe, Dt/arab
EAN: 978-3-948631-14-7
Der syrische Autor und Metallarbeiter Aboud Saeed gilt als einer der ersten Vertreter der Facebook-Literatur und machte sich mit seinen Statusmeldungen, die 2013 als "Der klügste Mensch im Facebook" bei mikrotext erschienen, einen Namen. Nun holt er sich die Deutungshoheit uber sein Werk zuruck: An manchen Stellen hat er gekürzt, an anderen radikal verlängert. So passt Aboud Saeed das Werk seiner veränderten Erfahrungswelt an und hält es lebendig. "Die ganze Geschichte" gibt eine unwahrscheinliche Blickachse frei: von der Schmiede in Nordsyrien bis ins Berghain, von Wut und Leere angesichts Assads Kampfjets zu selbstironischen, fast biedermeierlichen Kleinkriegen um Zimmerspinnen und Balkonbepflanzung. Die Textsammlung verhandelt die äußere und innere Übersiedelung nach Deutschland und spielt Vorurteile auf allen Seiten durch. "Der klugste Mensch im Facebook" hat sich mit "Die ganze Geschichte" zu einem Panorama uber aktuelle Zeitgeschichte, Integration, Zusammenleben und Identitätspolitik erweitert. Aboud Saeed ist einer der besten Schriftsteller der Welt. ARTE Tracks Aboud Saeed ist ungemein breit aufgestellt, jedes Posting hat gewissermaßen einen eigenen Drall. Er dehnt die Realität: Mal übertreibt er, mal eckt er an, und im nächsten Posting ist er dann wieder ganz melancholisch. Samuel Hamen, Deutschlandfunk Kultur Aboud Saeed ist DER internationale Autor, der aus dem Facebook-Post eine neue Literaturgattung gemacht hat, zwischen Gedicht und Prosaminiatur. In der klassischen Literatur hätte man Aboud Saeed einen Picaro, einen Schelm genannt, der durch Streiche und dadurch, dass er die anderen foppt, diese dazu bringt, ihr wahres Gesicht zu zeigen. Und in diesem Sinne sind seine Facebook-Posts auch Schelmenstreiche, und das ganze Buch lässt sich auch lesen wie ein Schelmenroman. Thomas Böhm, Literaturagenten/radio eins Heimatverlust, Fremdheit, Vorurteile, aber auch Neugier, Stolz und ein untrüglicher Blick für die absurden Widersprüche des Alltags: Ein Buch über das Leben zwischen allen Stühlen, ein wunderbar temporeicher Text zwischen Angeberei, Selbstironie, Verzweiflung und Hoffnung. Denis Scheck, ARD / Druckfrisch Es ist alles ganz, ganz, ganz toll an diesem Autor. Der ist lustig, der ist geistreich, der ist psychologisch so raffiniert und er ist trotzdem ein großer formaler Künstler. Nichts ist klischeehaft, nichts ist kitschig daran. Ijoma Mangold, Lesenswert / SWR1

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