Toni Morrison: Rezitativ

Buchempfehlung von SWR2 vom 14.03.2023

Im Jahr 1983 veröffentlichte die afroamerikanische Schriftstellerin Toni Morrison mit „Rezitativ“ ihre einzige Erzählung. Der jetzt erstmalig ins Deutsche übersetzte Text ist angelegt wie eine Versuchsanordnung. Er erzählt von Twyla und Roberta, zwei Mädchen in einem Heim. Eine von ihnen ist schwarz, die andere weiß. Mehr aber verrät die Autorin nicht. Ein wichtiger Text im Werk der Literaturnobelpreisträgerin.

Zwei Mädchen – Twyla und Roberta. Von Beginn an ist eigentlich klar, dass die eine weiß ist und die andere schwarz. Aber welche? Und auf wen zielt die abfällige Bemerkung von Twylas Mutter, „die“ würden sich nie die Haare waschen“? Das steht hier nicht.

Damit beginnt Morrisons raffiniert konstruiertes Spiel mit den Wahrnehmungsmustern ihrer Leserschaft. Geschrieben hatte sie diese Erzählung 1983. Da war in den USA per Gesetz die Rassentrennung in öffentlichen Institutionen bereits seit über 20 Jahren aufgehoben. Aber die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung hatte sich tief in die gesellschaftlichen Strukturen eingegraben. Abwertung, Stigmatisierung, Rassifizierung zeigen sich immer auch in der Sprache.

Morrisons „Rezitativ“, obwohl 1983 geschrieben, erschien in den USA erst im vergangenen Jahr und wurde als einzigartiges „Fundstück“ bezeichnet. Wohl nicht nur deshalb, weil es Morrisons einzige Erzählung ist, sondern vor allen Dingen, weil sie hier literarisch auf die Spitze treibt, was sie theoretisch in ihren zahlreichen Essays und Vorträgen immer wieder umkreiste: Die Notwendigkeit, binäre Zuschreibungen wie Schwarz und Weiß in ihrer Aussagekraft zu hinterfragen und zu dekonstruieren zugunsten der „Anerkennung des Menschlichen“, wie Zadie Smith schreibt. Morrison hat diese Versuchsanordnung später noch einmal in ihrem Roman „Paradise“ von 1998 angewendet. Jedoch nicht in der Konsequenz wie in dieser beeindruckenden Erzählung „Rezitativ“.

https://www.swr.de/swr2/literatur/toni-morrison-rezitativ-100.html


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