Stéphanie Coste: Der Schleuser

Buchempfehlung von SWR2 vom 6.12.2023

Stéphanie Coste lässt mit Seyoum ein Monster erzählen, wie er wurde, was er ist: Er hat dieselbe Gewalt durchlebt, die er heute anderen zufügt. „Der Schleuser" ist ein aufrüttelnder Roman über die menschenverachtende Flüchtlingsindustrie. Ihr Protagonist ist einer, der mit den Hoffnungen auf ein besseres Leben sein Geld verdient, ein Schleuser, der Flüchtenden die Überfahrt von Libyen auf die italienische Insel Lampedusa organisiert.

Seyoum, der Ich-Erzähler, ist dabei nicht zimperlich. „Ich habe die Hoffnung zu meiner Handelsware gemacht", lautet gleich der erste Satz des Romans. Seyoums Kalkül ist zynisch: Er rechnet damit, dass von den Flüchtenden, die die Sahara durchqueren, nur ein Drittel in Libyen ankommt. 

Er steht unter hohem Druck. Zwar war er einer der ersten und hat sich einen gewissen Namen als Schleuser gemacht, aber die Konkurrenz schläft nicht, und die libysche Küstenwache, die er regelmäßig schmiert, drückt nicht mehr so bereitwillig wie früher ein Auge zu. 

Er stammt aus einer eritreischen Intellektuellen-Familie, wollte Journalist werden wie sein Vater. Doch die Familie wurde politisch verfolgt, Seyoum ist wohl der einzige Überlebende, und er hat auf seiner Flucht genau die Qualen erlitten, die er nun anderen bereitet – er ist abgestumpft und übt in gewisser Weise Rache für sich selbst.

Stéphanie Coste informiert uns über eine brutale, von geld- und machtgierigen Männern dominierte Welt, über die wir allzu wenig wissen. Die Autorin ruft mit ihrem Roman auch die Zustände in Eritrea in Erinnerung, das als Polizeistaat gilt und über das bei uns wenig berichtet wird. Ein in vielerlei Hinsicht aufklärerischer Roman.

https://www.swr.de/swr2/literatur/stephanie-coste-der-schleuser-swr2-lesenswert-kritik-2023-10-23-100.html


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