Maria Stepanova: Mädchen ohne Kleider
Buchempfehlung von SWR2 vom 27.04.2023
Dichtung mit deutlichen Worten: Maria Stepanova erhält für ihren Lyrikband „Mädchen ohne Kleider“ den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung 2023. Ihre Texte „handeln“ vom Sterben auf dem Schlachtfeld und von Körpern, die auch im vermeintlich friedlichen Alltag zugerichtet werden. Stepanova schreibt eine politische und manchmal auch plakative Erinnerungspoesie, die in Deutschland kaum hinterfragt, sondern auf großer Bühne gefeiert wird.
Die Lyrik dieser Autorin hat den Vorteil der Offensichtlichkeit. Maria Stepanova schreibt eine Dichtung mit deutlichen Worten, da gibt es eher selten poetische Rätsel oder kryptische Verweise, die schwer nachzuvollziehen sind – wie es zeitgenössischer Lyrik oft vorgeworfen wird.
Stepanova hat sich dem erzählenden Klagelied verschrieben, das von den Zumutungen in einer obszönen und kriegerischen Welt berichtet. In ihrem Lyrikband „Mädchen ohne Kleider“ beginnt das Leid mit der dauersexualisierten Perspektive des Mannes auf die Frau.
„Immer ist da ein Pornoheft, immer ist es
Versiegelt mit züchtigem Zellophan
Wie um zu sagen: Vor dir gab es keinen.
Worauf er oder sie immer sagt: Zieh das aus,
Mach die Blätter breit, zeig schon, was du da hast.
Und immer hat es da Mädchen ohne Kleider.“
aus: Mädchen ohne Kleider von Maria Stepanova
https://www.swr.de/swr2/literatur/maria-stepanova-erhaelt-den-leipziger-buchpreis-zur-europaeischen-verstaendigung-100.html