Julia Jost: Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht
Buchempfehlung von SWR2 vom 22.3.2024
Die Welt, gesehen aus den Augen eines Kindes: In ihrem fulminanten Debütroman erzählt die Kärntnerin Julia Jost vom Aufwachsen auf dem Dorf, vom Aufstieg eines Provinzpolitikers und von historischen Kontinuitäten, die bis in die Gegenwart wirken. Der Titel ist in jedem Fall Programm: „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht"!
Manchmal bedarf es nur einer kleinen Perspektivverschiebung, um die Welt genauer sehen zu können. Die Ich-Erzählerin von Julia Josts Debütroman liegt unter einem Lastwagen und schaut sich das Geschehen um sie herum von unten an. Währenddessen zählt ihre Freundin Luca von Hundert auf Null herunter. Das Spiel heißt „Verstecken“, doch tatsächlich wird in diesem Buch viel von dem sichtbar, was über einen langen Zeitraum hinweg verborgen wurde. Es ist das Jahr 1994, und die Ich-Erzählerin ist elf Jahre alt. Julia Jost gibt ihrer Protagonistin bewusst keinen Namen, streng genommen noch nicht einmal ein Geschlecht, bloß den Anfangsbuchstaben J., doch anhand des Umstandes, dass ihre Eltern sie permanent und gegen ihren Willen in Mädchenkleider stecken möchten, darf man eine vorsichtige Zuordnung wagen.
Es ist ein Aufwachsen im Waldheim-Österreich, das hier in einer nur auf den ersten Blick urwüchsig anmutenden Sprache beschrieben wird. Tatsächlich aber ist der hypotaktische Sound, die Mischung aus Umgangssprache und dialektalen Einsprengseln, sorgfältig hergestellt. Er verleiht dem Roman Atmosphäre und Musikalität zugleich. In diesem Sprechen werden althergebrachte Ordnungsvorstellungen aufgesprengt. „Wo der spitzeste Zahn der Karawanken in den Himmel hinauf fletscht“ ist auch die Geschichte einer queeren Emanzipation, denn zwischen der Ich-Erzählerin und der gleichaltrigen Luca bahnt sich früh etwas an, das weit über eine Freundschaft hinausgeht. Julia Jost hat mit ihrem Debüt den Anti-Heimatroman auf den aktuellen Stand gebracht.
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