Étienne Kern: Die Entflogenen
Buchempfehlung von SWR2 vom 26.11.2023
Am 4. Februar 1912 sprang der Schneider Franz Reichelt vom Eiffelturm, um zu beweisen, dass sein selbstgebauter Fallschirmanzug funktioniert.
Doch Reichelt stürzte ab. Sein Todesfall gilt als der erste, der von einer Kamera gefilmt wurde. Der aus dem Elsass stammende Autor Étienne Kern hat daraus ein bemerkenswert feines Romandebüt namens „Die Entflogenen" gemacht.
In den Augen seiner Pariser Zeitgenossen war Franz Reichelt wohl ein Verrückter, der Mann, der am 4. Februar 1912 vom Eiffelturm in den Tod sprang, während die Menge zuschaute. Der Filmemacher François Truffaut nannte den aus Böhmen stammenden Schneider später das „erste Opfer des Kinos“, weil sein spektakulär gescheiterter Versuch, die Funktion seines selbstentworfenen Fallschirms zu beweisen, von zwei Kameraleuten gefilmt wurde. Heute ist Reichelt eine Internet-Berühmtheit, denn die bewegten Bilder seines Endes sind dort für immer als Video-Clip aufbewahrt. Nun haben sie ein schmales, aber bemerkenswertes Romandebüt inspiriert. Es heißt „Die Entflogenen“, und schon mit diesem mehrdeutigen Titel, im Original „Les Envolés“, deutet der Autor Étienne Kern die Rätselhaftigkeit seiner Hauptfigur an.
In dem nach Paris ausgewanderten Böhmen Reichelt erkennt der Autor den eigenen, aus Ostpreußen ins Elsass verschlagenen Großvater wieder, der ebenfalls durch einen Sturz aus großer Höhe zu Tode kam. Und die eigene Ratlosigkeit angesichts des Laufs der Dinge, des unaufhaltsamen Verschwindens geliebter Menschen erkennt er wieder in der Melancholie, die er Franz Reichelt letztlich zuschreibt.
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