Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel

hr-iNFO Büchercheck vom 29.11.2018. Die Geschichte ihrer Eltern lag für Natascha Wodin im Dunkeln. Sie wusste nur: Sie stammten aus der Sowjetunion, waren Zwangsarbeiter in Deutschland, blieben nach Kriegsende hier - aus Angst vor dem stalinistischen Terror. Als Natascha zehn Jahre alt war, brachte ihre Mutter sich um. Deren Leben und Herkunft hat Wodin recherchiert und in ihrem preisgekrönten Buch „Sie kam aus Mariupol“ erzählt. Im neuen Buch ist der Vater an der Reihe. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Der Vater schweigt meistens. Deutsch will er nicht lernen. Nach dem Tod seiner Frau schiebt er die Töchter ab in ein Kloster. Er selbst reist als Tenor in einem Kosakenchor durch Europa. Als er die Stimme verliert, holt er die Kinder zurück und wird Industriearbeiter. Wodin schildert ihn als Trinker, der brutal zuschlägt, mit Hunger und Durst bestraft und sich fast an ihr vergeht. Die erwachsene Erzählerin versucht den Vater, seine innere Emigration und sein Schweigen zu ergründen. Sie findet einen Onkel in Moskau, erfährt, dass der Vater vor ihrer Mutter bereits eine Frau und zwei Kinder in Russland hatte. Mehr kann sie nicht herausfinden. So verschiebt sich der Fokus des Erzählten auf Natascha selbst. Auf ihr Leiden an dem Vater, an der Ausgrenzung durch die deutschen Kinder in den 50ern und 60ern, obwohl sie doch so gerne eine Deutsche mit bürgerlicher Existenz werden will. „Unter lautem Gelächter wollten sie von mir wissen, ob es stimme, dass wir zu Hause die Kartoffeln in der Kloschüssel wuschen und dass die Russenweiber keine Unterhosen trugen. Sie nannten mich `Russki´, `Russla´, `Russensau´, `Russenlusch´. Ich erinnere mich gar nicht, wann ich diese Wörter zum ersten Mal gehört hatte, mir war, als wären sie immer schon da gewesen, ein Bestandteil der Luft, ein Geruch, den ich nie loswurde.“
Es ist die Geschichte einer Katastrophe: Scheitern in der Schule, Orientierungslosigkeit, Rumtreiberei, schließlich sogar Obdachlosigkeit, Vergewaltigung. Dann hat sie Glück und findet einen Job. Die Ausgestoßene zieht sich mit aller Entschlossenheit wieder hinein ins eigene, selbstbestimmte Leben.

Wie ist es geschrieben?
Natascha Wodin erzählt eine harte Geschichte. Und sie erzählt sie in vielen Details, genau, schonungslos, bisweilen krass. Ihr Ton dagegen nimmt Abstand ein zum Erzählten, ist eher nüchtern, ja lakonisch. Es ist kein Buch der spektakulären Bilder. Die braucht es nicht. Die Ereignisse sprechen für sich, der Ton verstärkt sie in ihrer Wirkung.

Wie gefällt es?
Natascha Wodin hat mit den beiden sehr persönlichen Büchern über ihre Eltern auch ein Zeitpanorama der unmittelbaren Nachkriegsjahre in der Bundesrepublik entfaltet und Einblicke geschaffen in Zwangsarbeiterschicksale, die ja nicht so selbstverständlich erinnert werden. Und sie hat dafür eine so sachliche wie wirkungsvolle Sprache gefunden.


Bibliographie
Tipp
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Irgendwo in diesem Dunkel
Natascha Wodin
Irgendwo in diesem Dunkel
EAN: 978-3-498-07403-6
In "Sie kam aus Mariupol", ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse, hat Natascha Wodin ihrer Mutter ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt. Jetzt lässt sie ein Buch folgen, das an den Freitod der Mutter 1956 anschließt. Erzählt wird die Zeit, als die ältere der beiden Töchter sechzehn ist, ein mehrjähriger Aufenthalt in einem katholischen Kinderheim liegt hinter ihr. Sie lebt beim Vater in den "Häusern" am Fluss, abseits vom deutschen Städtchen, unter Verschleppten und Entwurzelten in einer Welt außerhalb der Welt. Dabei möchte sie so gern zu den Deutschen gehören, möchte Ursula oder Susanne heißen und träumt von einem Handwerker, den sie heiraten könnte, um ihrer russischen Herkunft zu entkommen. Aber der seit je gefürchtete Vater sperrt sie ein. Sie soll keine roten Schuhe tragen, sie soll zu Hause putzen. In einem Taftkleid der Mutter flieht sie in die Vogelfreiheit, die Schutzlosigkeit der Straße. Diese Geschichte eines Mädchens, das als Tochter ehemaliger Zwangsarbeiter im Nachkriegsdeutschland lebt - misstrauisch beäugt und gemieden von den Deutschen, voller Sehnsucht, endlich ein Teil von ihnen zu sein -, wird aus dem Rückblick erzählt, ausgehend vom Tod des Vaters in einem deutschen Altenheim. Sein Leben, das noch in der russischen Zarenzeit begonnen hat und fast das gesamte 20. Jahrhundert überspannt, ist für die Tochter immer ein Geheimnis geblieben. Irgendwo in diesem Dunkel, hinter all dem Schweigen, sucht sie den Schlüssel zum Verstehen. Eine ungeheuerliche Geschichte der Ort- und Obdachlosigkeiten, erzählt in der klaren, um Sachlichkeit bemühten und doch von Emotion und Poesie getragenen Sprache Natascha Wodins, die ihresgleichen sucht.

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