Bodo Kirchhoff: Dämmer und Aufruhr

hr-iNFO Büchercheck vom 16.08.2018. Ja, nach unseren juristischen Normen wurde Bodo Kirchhoff von seinem Musiklehrer im Internat am Bodensee missbraucht. Kirchhoff selbst benutzt dieses Wort aber nicht. Er klagt auch nicht an. Die juristische Dimension bleibt außen vor. Er erzählt die sexuellen Handlungen in Bildern und er erzählt sie als Teil einer falsch verstandenen emotionalen Beziehung, aber auch als sexuelle Entdeckung. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Wir sind in den 50er Jahren. Die Eltern sind kriegs- und entbehrungsgeschädigt, sowohl seelisch als auch materiell, sie müssen feststellen, dass sie nicht zueinander passen. Sie wollen ihr eigenes Leben leben. Der Sohn wird nach der Grundschule aufs Internat geschoben. Seine jüngere Schwester bleibt zunächst bei der Oma. Der Vater zieht nach Stuttgart, die Mutter nach Frankfurt. Zu den Feiertagen und in den Ferien spielen sie den Kindern noch eine Weile heile Familie vor. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die einzig konstante fürsorgliche Beziehung von der Oma geleistet wird. Dafür darf der Sohn im Urlaub mit der Mutter den Kavalier geben, es kommt zu neugierigen sexuellen Handlungen. Das Körperliche, die Erotik wird ihn immer wieder umtreiben, im Leben und im Werk. Als Pennäler streift er durch das Frankfurter Bahnhofsviertel, geht in die Puffs genauso wie in die Buchhandlungen. Die Kunst bietet sich als Rettung im emotionalen Chaos an: erst die Malerei und dann das Schreiben, die Bilder und die Wörter. Zeitweise wurde Kirchhoff als Pornoschriftsteller verunglimpft. Die Mutter litt darunter, auch noch, als der Sohn die Hochbetagte im Pflegeheim besucht:
„Sie nahm meine Hand und fand noch einmal zu ihrer Stimme. Immer nur Dinge aus der Kanalisation des Lebens, mein Gott, und was wurde schon alles Herrliches über die Liebe geschrieben! Sie drückte die Hand und führte die Beispiele an, die sie bei dem Thema unausweichlich anführte, (…), während ich fast nach ihr geschlagen hätte, nur um sie so zu erreichen, dass sie nicht weghören könnte, wenn ich ihr sagte, was das Schreiben sei: wieder und wieder ein Versuch, aus der eigenen Scheiße Gold zu machen.“

Wie ist es geschrieben?
Kirchhoff bezeichnet sein Buch als Roman. Er mischt Fakten mit Hinzugeschriebenem. Konsequent ist daher mal von „ich“, mal von „er“ die Rede. Und das auf drei Zeitebenen: Er rekonstruiert -zum Teil angestoßen von Fotos - die vergangene Zeit, dann berichtet er über die Besuche bei der Mutter im Pflegeheim und die daraus folgenden Erinnerungsimpulse. Die dritte Erzählzeit ist die Zeit des Schreibens in einem Hotelzimmer in Alassio, in dem einst die Eltern ihre letzten glücklichen Tage zusammen waren. Sozusagen eine Vergewisserung der eigenen Lebenserfahrung am historischen Ort.

Wie gefällt es?
„Dämmer und Aufruhr“ ist weit mehr als die Geschichte wie einer zum Schriftsteller wird. Und es ist auch mehr als ein Dokument des Ringens um eine Sprache. Zum einen für die Darstellung der ambivalenten, eigentlich missbräuchlichen Sexualerfahrung, zum anderen seiner körper- und geistbetonten Ichbezogenheit. Ich finde dieses Buch so interessant, weil es über die Ichgeschichte hinaus einen lebenserfahrenen Blick auf die Nachkriegsgesellschaft wirft.


Bibliographie
Tipp
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Dämmer und Aufruhr
Bodo Kirchhoff
Dämmer und Aufruhr
Roman der fruhen Jahre
EAN: 978-3-627-00253-4
Wer spricht, wenn einer von früher erzählt? Das fragt sich ein Autor in dem kleinen Hotel am Meer, in dem seine Eltern vor Jahrzehnten glückliche Tage verbracht hatten, die letzten vor ihrer Trennung. Er bewohnt das Zimmer, das sie bewohnt haben, und schreibt dort an der Geschichte seiner frühen Jahre, erzählt sie mit der Distanz des Schriftstellers als eine auch fremde Geschichte: Er greift zu den Mitteln und Freiheiten des Romans, um der Geschichte seiner Sexualität, die zugleich die Geschichte seines beginnenden Schreibens ist, einen Rahmen zu geben, eine Lebenslegende, die doch nah an der eigenen schmerzlichen Wahrheit bleibt, zu der auch die gescheiterte Ehe seiner Eltern gehört. Der Krieg hat die Eltern zusammengewürfelt, die junge Schauspielerin aus Wien und den talentierten Kriegsheimkehrer mit verlorenem Bein aus Hannover, der vor dem Nichts stand. Alles, was sie wollen, ist der Enge ihrer Zeit entfliehen, jeder auf seine Art, daran zerbricht ihre Ehe. Der kleine Sohn kommt ins Internat, ein Drama der Details nimmt seinen Lauf, jenseits aller verstehenden Sprache auf einer Klinge aus so beklemmender wie betörender Gewalt. In seinem großen autobiografischen Roman 'Dämmer und Aufruhr' dringt Kirchhoff mit starken Erinnerungsbildern und großem erzählerischen Atem in die Tiefen des eigenen Abgrunds vor. Dabei erzählt er vom Eros einer Kindheit und Jugend, davon, wie Wörter zu Worten wurden und daraus schließlich das eigene Schreiben, der Weg hin zur Literatur. 'Wenige Tage vor seinem Geburtstag erscheint nun sein vielleicht wichtigstes Buch [.] Es enthält das gesamte Ausgangsmaterial eines altersweise gestimmten Formulierungskünstlers [.]. In seinen sorgfältig gemeißelten Sätzen über die Eltern, die ihre Kinder sich selbst überlassen haben und selber Verlorene waren, liegt etwas Feierliches, stolz Vergebliches und streng Überformuliertes, das an den längst verflogenen Suhrkamp-Weihrauch erinnert, ganz wunderbar ist und melancholisch macht.' Iris Radisch, Die ZEIT

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