Sarah Pines: Damenbart
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 01.02.2022
Sie flüchten sich in Gelegenheitssex oder religiösen Wahn, identifizieren sich mit Popstars oder mythischen Figuren – und dennoch schaffen die Frauenfiguren in Sarah Pines‘ Geschichten „Damenbart“ es nicht, ihrer existenziellen Einsamkeit zu entkommen.
Eine Hollywood-Schauspielerin, die ihr schönstes Kleid anzieht. Die sich in hochhackigen Schuhen den Weg zum berühmten weißen Schriftzug in den Hollywood Hills hocharbeitet. Und die sich dann von der Spitze des „H“ hinunterstürzt.
Sarah Pines erzählt in einer eindrucksvollen Kurzgeschichte von diesem ebenso tragischen wie sozusagen filmreifen Freitod. Der Titel – „Peg E.“ – deutet bereits an, dass es sich dabei nicht um eine Erfindung handelt. 1932 endete auf solch spektakuläre Weise das Leben von Peg Entwistle, einem Stummfilmstar, dem leider das Talent für das aufkommende Technicolor fehlte. Peg ist nicht die einzige Schauspielerin mit verblassendem Ruhm in Sarah Pines Geschichtenband „Damenbart“. In „Sie schon wieder“ kämpft zum Beispiel die oscargekrönte Blanca in ihrer Beverly-Hills-Villa mit den Hürden der neuen Netflixära, einem untreuen Ehemann, vor allem aber mit ihrem Körper.
„Oben im Ankleidezimmer zog sie vor dem Spiegel den Bauch ein. Grundgütiger, wie sie aussah. Wie Shrek. Die Creme, die Haare, die Leberschmiere. Nun, sie war ja auch ein Star, seit Jahrzehnten. Das sollten die jungen Dinger ihr mal nachmachen, all die Masken, Kostüme, Lockenstäbe und Glätteisen, den ganzen Tag mit verkleisterter Haut vor der Kamera, das permanente Hungergefühl im Magen.“
Mit ihrem Geschichtenband „Damenbart“ ist Sarah Pines ein eindrucksvolles Debüt als Erzählerin geglückt.
https://www.deutschlandfunk.de/spezialistinnen-der-einsamkeit-100.html