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Kai Sina: TransAtlantik

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 20.01.2023

Intelligent, kritisch, ironisch – so stellte sich Hans Magnus Enzensberger seine Zeitschrift „TransAtlantik“ vor. Das Projekt wurde ein Flop. Aber ein bedeutsamer Flop, wie Literaturwissenschaftler Kai Sina in seinem neuen Buch zeigt.

Wer so umtriebig und ideenreich war wie Hans Magnus Enzensberger, ließ sich geradezu zwangsläufig auf Projekte ein, deren Erfolg nicht von vornherein gewährleistet war. Es ist allerdings charakteristisch für Enzensbergers Wesen, dass er Niederlagen nicht schamhaft verschwieg, sondern diese halb ironisch in einem Buch auflistete: „Meine Lieblings-Flops“ erschien im Jahr 2010, und auf einer der Listen mit Herzensprojekten, die Enzensberger als Misserfolge einstuft, steht auch die Zeitschrift „TransAtlantik“.

Ende der 1970er-Jahre schien Enzensberger zu spüren, wie so oft früher als andere, dass der Bundesrepublik eine intellektuelle Zeitenwende bevorstand. Gemeinsam mit dem aus Chile stammenden Schriftsteller Gaston Salvatore, der in der Studentenbewegung zu den engsten Freunden Rudi Dutschkes gezählt hatte, formulierte Enzensberger im Juni 1979 ein Konzeptpapier, in dem die Zielgruppe für die „TransAtlantik“ umrissen wurde. Es befindet sich heute im Marbacher Literaturarchiv und liest sich wie eine knapp gefasste Mentalitätsanalyse der Bonner Republik jener Jahre:

„Eine Nation von Aufsteigern sucht nach ihrer kulturellen Identität. Nach dreißig Jahren hört der nouveau riche allmählich auf, nouveau zu sein; er entdeckt neue, ‚höhere‘ Bedürfnisse. Er möchte seiner inneren Unsicherheit, der Lächerlichkeit, der Banalität, dem kleinkarierten Zuschnitt seines Lebens entrinnen.“

Christoph Ransmayr, Irene Dische, Jörg Fauser und Rainald Goetz, der für die „TransAtlantik“ eine ziemlich lustig zu lesende Tour durch die deutschen Feuilleton-Redaktionen unternahm, gehörten zu den Autoren der Zeitschrift. War sie ein Flop? Rein kommerziell ganz gewiss. Geschätzte zwei bis 3,5 Millionen Verlust erwirtschafteten die beiden Herausgeber in zwei Jahren – dann wurde ihr Vertrag nicht verlängert. Der Publizist Michael Rutschky, ebenfalls Redaktionsmitglied der „TransAtlantik“, merkte an, Enzensberger sei mit diesem Projekt dem Zeitgeist ein entscheidendes Stück zu weit vorausgeeilt. Es wäre nicht das erste Mal gewesen.

https://www.deutschlandfunk.de/transatlantik-100.html

Hans Magnus Enzensberger, Gaston Salvatore und ihre Zeitschrift für das westliche Deutschland
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783835351257
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