Joshua Cohen: Witz

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 27.02.2022

Neun Jahre schrieb Joshua Cohen am Roman, fünf Jahre arbeitete Ulrich Blumenbach an der Übersetzung: Nun ist „Witz“, eine monumental eigenwillige Geschichtssatire über das Judentum und die Shoa, endlich auf Deutsch erschienen.

Als Joshua Cohens „Witz“ 2010 im englischen Original erscheint, jubelt und klagt der Kritiker Fabian Wolff in einem Atemzug. In der „Jüdischen Allgemeinen“ lobt er den Roman als „über die Maßen spannend“, als „einen delirischen Fiebertraum mit Tabubrüchen und finsterstem Humor“; zugleich seien Bücher wie „Witz“ aber sogenannte Nonseller, Nichtverkäufe in Deutschland. Und er prophezeit: Für hiesige Leser sei dieser Roman, der schon in der Originalfassung 800 Seiten umfasst, nicht plakativ genug. Für eine Debatte zu jüdischem Leben und Erinnerung an die Shoa könne er nicht herhalten. Kein Verlag traue sich an dieses Ungetüm heran; die Übersetzung dauere zu lang und hinke dem Original sowieso hinterher.

Mehr als zehn Jahre später hat sich die Lage verändert. Der US-amerikanische Schriftsteller Joshua Cohen, geboren 1980, ist im deutschsprachigen Raum kein unbeschriebenes Blatt mehr. „Das Buch der Zahlen“ erschien 2018 in deutscher Übersetzung und machte Cohen als belesenen und umtriebigen Romancier bekannt, der sich auf Thomas Pynchon ebenso beruft wie auf die jüdische Mystik. Zuvor waren schon der Erzählband „Vier neue Nachrichten“, sowie der Roman „Solo für Schneidermann“ beim Frankfurter Schöffling Verlag erschienen.

Mit diesem ungeheuerlichen Plan verläuft sich auch die Pointe in Wasimmerwitz, im "Niemandsland aller Zeit“. Joshua Cohen hat dieses Land, das es nie gab und das es immer geben wird, auf monumentale Weise kartographiert. Der erlösende Lacher wird einem natürlich nicht geschenkt; das schwant einem spätestens auf den letzten dreißig, vierzig Seiten, wenn Cohens spielwütige und menschenskeptische Imagination von der historischen Düsternis eingeholt wird.

https://www.deutschlandfunk.de/der-letzte-jude-ein-messias-und-taugenichts-100.html


Bibliographie