Jakob Hein: Der Hypnotiseur

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 14.02.2022

Ein junger Mann mit einer besonderen Gabe: Michael kann Menschen mit Hilfe von Hypnose an jeden Ort der Welt reisen lassen. Ein verführerisches Angebot für viele DDR-Bürger. Aber auch Gedankenreisen sind in der DDR streng verboten, und so wird bald die Stasi aufmerksam.

Ein kleines Dorf im ostdeutschen Odertal in den frühen 1980er-Jahren: Hier führt man ein ruhiges Leben, kennt seine Nachbarn und weiß über sie genau Bescheid – vielleicht zu genau, wie die ältliche Lieselotte erzählt:

„So ein Dorf besteht aus lauter Widersprüchen. Keiner will was sagen, aber alle wollen alles wissen. Niemand gönnt dem Nachbarn den Dreck unter den Fingernägeln, aber wenn jemand Fremdes auftaucht, halten alle zusammen. 

n diesem Dorf lebt Michael auf dem Hof seiner Großeltern. Eigentlich wollte er Psychologie studieren, aber als er sich mit einer Arbeit über Schopenhauer bei der linientreuen Universitätsleitung unbeliebt machte, flog er von der Uni und kehrte ins Dorf zurück. Die Psychologie jedoch lässt ihn nicht los, denn Michael hat eine besondere Gabe: Er kann Menschen mit Hilfe von Hypnose in ihren Gedanken an jeden beliebigen Ort der Welt reisen lassen. In der DDR, wo so viele sich Reisen in den Westen ausmalen, spricht sich das schnell herum, und so tauchen bald immer mehr Fremde auf, um sich von Michael ans Ziel ihrer Sehnsüchte bringen zu lassen. Eine dieser Fremden ist Anika, eine junge Frau. Sie träumt davon, Paris zu sehen.

„Das heißt, es darf nicht jeder glücklich sein, damit alle glücklich sein können?“

Jakob Heins Roman ist ein literarisches Kabinettstück, ein Buch, das Leichtigkeit mit Tiefgang zu verbinden weiß und eine Geschichte erzählt, die in der Vergangenheit angesiedelt ist, aber gerade heute Bedeutung hat. Eine Geschichte über Gedankenfreiheit in schwierigen Zeiten, die daran erinnert, dass jeder von uns vielleicht auch aus dem grauen Corona-Alltag ganz leicht ins Reich der Phantasie entfliehen kann.

https://www.deutschlandfunk.de/hypnosereisen-in-den-westen-100.html


Bibliographie