Gine Cornelia Pedersen: Null

Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 25.11.2021

Auf bedrängende Weise erzählt die Norwegerin Gine Cornelia Pedersen in ihrem Debütroman „Null“ von einem jungen Mädchen, das versucht, einen Platz in der Welt zu finden. Und das eigene Ich. Nach wenigen Seiten schon stürzt die Jugendliche in eine Psychose.

Ein Staccato von kurzen Sätzen. Keiner hat einen Punkt, es geht ja gleich weiter – mit dem nächsten kurzen Satz. Jeder kommt mit Volldampf und Absolutheitsanspruch daher, und fast immer spricht die Erzählerin über sich selbst.

„Ich bin zehn Jahre alt

Ich absorbiere alles

Ich habe keine Filter“

Diese Durchlässigkeit ist natürlich ein Problem für das junge Mädchen – und zugleich das geschickt gehandhabte erzählerische Verfahren Gine Cornelia Pedersens in ihrem Debütroman „Null“. Die Norwegerin zielt auf intime Nähe und den direkten Einblick in das Erleben einer Heranwachsenden, die mit 16 Jahren bei der geschiedenen Mutter auszieht, das Gymnasium besucht, Freunde hat und sie wegstößt, sie verliert und sich auch.

„Ich will keine Hilfe

Ich bin gern am Boden

Ich ertrinke in meinem Egoismus

Das ist wundervoll“

Die junge Frau wird ausgegrenzt, zieht nach Oslo, wird wieder ausgegrenzt und zieht zurück, sie wird aggressiv gegen andere und gegen sich – und schließlich in eine psychiatrische Klinik eingeliefert.

„Es ist Sommer in der Klapse

Ich rauche zwei Schachteln pro Tag und trinke pro Stunde eine Kanne Kaffee

Die Patienten sitzen im Garten, jeder mit seiner Tasse und seiner Packung Kippen

Ich schwitze und zittere

Wir reden über Elektroschocks und Zwangsisolierung“

„Null“ ist kein Bildungsroman, vielleicht jedoch so etwas wie ein Selbst-Bildungsroman nicht nur, aber vor allem für heranwachsende Leser. Pedersen erzählt nämlich vom ältesten Sujet des Romans: dem Entstehen eines Ich. Bei ihr entsteht es vor allem aus sich selbst. Wenn es aber ein Ich gibt, gibt es auch ein Du und ein Ihr. Das Ich spricht dann nicht mehr nur zu sich, es spricht auch zu anderen. Am Ende betritt die junge Frau als Schauspielerin die Bühne und ist bereit, viele Stimmen zu sprechen.

https://www.deutschlandfunk.de/eine-heranwachsende-kaempft-um-ihr-leben-100.html


Bibliographie