Georg Stefan Troller: Der Unnötige
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 9.12.2022
Georg Stefan Troller, der langjährige, berühmte Paris-Korrespondent des ZDF, der vor allem durch seine Interviews bekannt wurde, hat in seinen Anfängen schmissige Prosastücke geschrieben.
Schon im ersten Satz merkt man eine ungewohnte Verschiebung der Perspektive. Es geht um den Zweiten Weltkrieg, und die Muttersprache des Verfassers ist Deutsch.
„Der Krieg war zu Ende und gewonnen.“
Cooler kann man es wohl kaum sagen. Georg Stefan Troller, vor hundert Jahren als Jude in Wien geboren, lebt heute mit einem amerikanischen Pass in Paris und er kam 1945 mit der US-Armee als Befreier nach Deutschland. In seinem kurzen Vorwort zu dem Prosaband „Der Unnötige“ deutet er an, wie es zu diesen frühen, lange unveröffentlichten Texten kam: Er befand sich damals in München, in seinem angestammten deutschen Sprachraum, und versuchte, sich in dieser aufgeladenen und irritierenden Situation zurechtzufinden. Troller steckte, wie er sagt, in einem inneren und äußeren Chaos. Und was ihm half, waren Bücher. Offensichtlich spielte dabei eine Entdeckung eine Rolle, die er in einem Antiquariats-Wühlkasten in der Schwabinger Schellingstraße machte: da lag Hemingway auf Deutsch. Und tatsächlich ist bei seinen ersten literarischen Versuchen, seine Nachkriegspersönlichkeit zu finden, der journalistisch gesättigte, realistisch verknappte, sachlich objektivierende Hemingway-Ton nicht zu überhören:
„Es war ein Junge von höchstens fünf Fuß Größe mit einem runden Milchgesicht, in dem ein rötlicher Stoppelbart gerade die Kinnspitze verzierte. Die langen braunen Haare quollen ihm unter der Mütze hervor, und von der Uniform konnte man einzig den kotigen Mantel sehen, dessen Enden am Boden schleiften. Unsere Boys lachten schallend, wie er sich jetzt stramm hinstellte und die Absätze zusammenknallte.“
Wie Troller dabei den Botschafter der deutschen Nazis im besetzten Paris, Otto Abetz, ins Spiel bringt, hat das Zeug zu einem schmissigen Polit-Melodram. Man kann in diesen frühen Prosaskizzen die Anfänge eines ausgebufften Medienprofis studieren.
https://www.deutschlandfunk.de/im-wuehlkasten-von-paris-100.html