Emmanuel Carrère: Yoga
Buchempfehlung des Deutschlandfunks vom 03.03.2022
Im Alter von 60 Jahren wird bei Emmanuel Carrère eine bipolare Störung diagnostiziert. „Yoga“ ist ein autofiktionales Buch über die Angst vor dem inneren Feind, über die Grenzen der Psychoanalyse und Demut lehrende Begegnungen mit jungen Geflüchteten.
Um Stoff für ein „heiteres Büchlein“ über die spirituelle Dimension und Praxis des Yoga zu sammeln und sein „despotisches, erschütternd neurotisches Ego“ zu zügeln, begibt sich Emmanuel Carrère im Januar 2015 in ein Retreat in der französischen Provinz.
„Vipassana-Kurse sind das Kampftraining der Meditation. Zehn Tage lang zehn Stunden schweigend von allem abgeschnitten: the real shit. In Internetforen berichten viele, diese Hardcoreerfahrung habe sie bereichert und verändert, andere verurteilen sie als sektenhafte Vereinnahmung. Sie beschreiben den Ort als Konzentrationslager und die tägliche Zusammenkunft als Gehirnwäsche. Nordkorea sozusagen.“
Nach fünf Tagen holt ein Anruf den meditierenden Schriftsteller abrupt in die gesellschaftliche Wirklichkeit zurück. Islamisten haben zwölf Menschen in den Redaktionsräumen der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ermordet. Unter den Opfern ist ein Freund, der Wirtschaftswissenschaftler Bernard Maris. Dessen Lebensgefährtin bittet Emmanuel Carrère, beim Begräbnis die Trauerrede zu halten. Wenig später verliert der Autor die Kontrolle über sein Leben.
Obwohl für Emmanuel Carrère, wie er hinzusetzt, ein halbvolles Glas eher ein halbleeres ist, lässt er sein ergreifend direktes Buch mit einem freudvollen Ausblick enden. Die Schlussszene wirkt zu schön, um wahr zu sein – aber was soll wiederum unecht sein an der Sehnsucht nach Nähe und erotischem Glück?
https://www.deutschlandfunk.de/das-privileg-seinem-elenden-leben-eine-form-zu-geben-100.html