Andreas Maier: Die Universität

hr-iNFO Büchercheck vom 12.04.2018. Die Kreise weiten sich. Andreas verlässt die Wetterau, das vertraute Gelände. Er zieht in die Großstadt, versucht sich an der Universität zu orientieren. Ein doppelter Sprung also. Alles ist anders. Der Erstsemester-Student fühlt sich als Würstchen unter den wichtig und wissend erscheinenden älteren Kommilitonen.
hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Maiers Held beobachtet die anderen und sich selbst, setzt sich zu den unterschiedlichsten Typen an der Uni in Beziehung, definiert seinen Standort in dieser Welt und mögliche Rollen für sich. Er sucht nach seiner Identität. Und so kommt es, dass der Philosophiestudent darüber philosophiert, ob er denn nun Subjekt oder doch vielleicht nur Objekt ist. Ob er eine Person ist oder aus mehreren nebeneinander existierenden Personen besteht. Und er entdeckt für sich, dass das Wort „ich“ der Mittelteil des Wortes „nichts“ ist. Oder dass das Individuum nur sich selbst also solches sieht, während es für die anderen in der Regel nur als Teil der Masse sichtbar wird. Zum Beispiel in der Rush-Hour bei der Heimfahrt von der Uni in die Wetterau.
„Zeitlich fahren sie acht Stunden später dann von Millionen Parkplätzen wieder los, durch alle Straßen zurück, an allen Häusern, allen Menschen, allen Plätzen, an allem vorbei, und sammeln sich, Abend für Abend, zu jenem finalen Bild am Nordwestkreuz, dem ewig wiederholten Stillstand unserer Zielhaftigkeit, in dem wir aufgelöst werden und aufgehen in der Masse der vollkommen Gleichheit ohne Namen, Rang, Geschichte, Herkunft, Person, Eigenschaft, Wille, Geschlecht. Und sitzen in den Autos mit unserer uns nach wie vor unauslöschlich erscheinenden Individualität.“

Wie ist es geschrieben?
Andreas Maier erzählt diese Reifung eines intellektuellen Ichs im Wesentlichen chronologisch und episodisch. Es gibt irritierende Begegnungen und Beobachtungen an der Uni, verzweifelte Selbstbespiegelungen, kleine Fluchten in die Sicherheit der provinziellen Heimat und Versuche in Frankfurt ein neues Zuhause einzurichten, räumlich und sozial. Maier registriert das alles, verbindet es aber analytisch. Immer wieder tritt der Autor daher aus seinem gleichnamigen, mehr oder weniger autobiografischen Helden heraus. Das wird dann zum Beispiel durch Komik markiert. So wird der Held etwa im Zustand der größten Verwirrung allergisch gegen sich selbst, kriegt Pickel und Magenkrämpfe. Oder er hat einen Job als Pfleger der spinnerten Witwe des Philosophen Adorno. Diese Aufgabe bringt ihn in seiner Persönlichkeitsentwicklung weiter. Darüber hinaus birgt diese Episode in ihren erzählerischen Details aber auch ein Feuerwerk an komischen Einfällen.

Wie gefällt es?
Ich finde, Maier bringt zwei Dinge gut zusammen. Er analysiert, wie aus einem provinziellen Pennäler eine intellektuelle Persönlichkeit reift. Und er erzählt das in prägnanten Beobachtungen, Ereignissen und Handlungen. Dass dieses Erzählen auch immer wieder überraschend und sogar lustig wirkt, das macht für mich die besondere Qualität des Romans aus.


Bibliographie
Tipp
book_2
Die Universität
Andreas Maier
Die Universität
Roman, Ortsumgehung 6
EAN: 978-3-518-42785-9
Frankfurt, die Universität, 1988, 1989. Damals noch ein ganz anderes Studium, Magister, eigentlich völlige Freiheit in allem. Das Betätigungsfeld erstreckt sich vom Biertrinken im Doctor Flotte bis hin zu Seminaren über Wahrheitstheorie, die den Studenten der Philosophie schon innerhalb eines Semesters zu Arztbesuchen treiben. Es droht ein völliger Verlust der eigenen Person, und auch die Zeiten geraten durcheinander: Auf der Suche nach einer Studentenbude stößt der Protagonist auf ein Erotikmagazin, in dem er eine alte Liebe aus dem Jahr 1983 wiederzuerkennen glaubt. Aus seiner Matratzengruft, in der er sich verzweifelt-lethargisch einrichtet, rettet ihn ausgerechnet ein Pflegefall: Gretel Adorno, die uralte Witwe des Philosophen, bei der er durch seinen Studentenjob Dienst tut. Er läßt sich von ihr zerkratzen und beschimpfen, aber eigentlich versteht er sich mit ihr besser als mit seiner ganzen Umwelt. Die Universität ist ein Roman über die Möglichkeit, überhaupt von so etwas wie Ich oder Person zu sprechen. Es ist jener Zustand Anfang zwanzig, in dem wir zwar noch im Rollenspiel der Jugend verhaftet sind, zugleich aber längst begriffen haben, daß es irgendwo anders hingehen muß. Dieses Buch ist Teil der Ortsumgehung. Seit 2010 können Leserinnen und Leser Andreas Maier bei seiner Ortsumgehung begleiten. Der Autor hat sie in den letzten Jahren auf eine Reise durch die Familien- und Heimatgeschichte mitgenommen: vom ehemaligen Zimmer seines Onkels in Bad Nauheim, wo er den Romanzyklus in Das Zimmer beginnt, über die Friedberger Schuljahre in Die Straße und die ersten Liebes- und Schreibversuche in Der Ort und Der Kreis, bis zu den Reisen, von denen er in Die Städte erzählt. Elf Bücher wird es nach Abschluss des autofiktionalen Romanprojekts geben. Andreas Maier wurde für seine Ortsumgehung-Romane mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Wilhelm-Raabe-Preis, Hugo-Ball-Preis und Arno-Schmidt-Stipendium. Jeder Band ist in sich abgeschlossen und kann unabhängig voneinander gelesen werden.

Lieferbar innerhalb 1 - 2 Wochen

20,00 €