Marie NDiaye: Die Chefin

hr-iNFO Büchercheck vom 12.10.2017. Marie NDiaye ist 1967 in Frankreich geboren, sie ist schwarz, sie hat in den letzten Jahren in Berlin gelebt, und sie ist eine der großen zeitgenössischen Autorinnen Frankreichs. 2009 erhielt sie den Prix Goncourt, die höchste literarische Auszeichnung Frankreichs. Mit ihrem neuen Buch, „Die Chefin“, erzählt sie die Geschichte einer sterngekrönten Köchin und kehrt so gewissermaßen ins Herz Frankreichs zurück. hr-iNFO Bücherchecker Frank Statzner hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Es geht nicht um Küchenfolklore, auch nicht um gastronomisches Tamtam. Es geht um eine Persönlichkeit, die Chefin eben. Erzählt aus der Perspektive eines Mitarbeiters, der gleichzeitig Verehrer und verhinderter Liebhaber ist und, wie sich im Lauf des Buches herausstellt, mit der Tochter der Chefin ein Kind hat. Der Erzähler hat also keine neutrale Perspektive, im Gegenteil. Er ist alles andere als verlässlich, wenn nicht sogar zwielichtig. Das macht einen Reiz des Buches aus. Und die Chefin? Sie ist einerseits eine verschlossene Person, die die Einsamkeit ihrer Küche sucht. Andererseits ist sie in ihrem Beruf eine Getriebene. Kochen ist für sie eine Berufung und Herausforderung. In ganz kleinen Verhältnissen aufgewachsen, muss sie in jungen Jahren als Dienstmagd in einer Privatküche arbeiten. Dort kommt sie buchstäblich auf den Geschmack. Sie kocht so einfach wie es geht, puristisch, bemüht, den Eigengeschmack der Produkte herauszuarbeiten. Aber doch im Geschmackserlebnis so raffiniert und überraschend, dass es die Kunden sogar verstören kann. „So entsprang etwa die Lammkeule im grünen Mantel ihrem Wunsch, das erlesene Pauillac-Lamm in seiner ganzen Unmittelbarkeit genießen zu lassen, ebenso wie den Belleville-Sauerampfer mit seinem herben Geschmack, den sie sich weigerte unter Sahne oder Butter zu verbergen. Dazu gab sie Spinat, sie mochte den Dreiklang der Zutaten, sie schmorte die mit bitterem Grün ummantelte Lammkeule ganz sanft und stundenlang, die schön fetten Säfte des Fleischs milderten den Sauerampfer, und das Lamm wurde so zart und zugleich so kräftig im Geschmack, dass dieser Kontrast, jugendliche Zartheit und reifer Geschmack, die Essenden bei den ersten Bissen verstörte, die Chefin amüsierte sich darüber.“

Wie ist es geschrieben?
Der Roman hat eigentlich keine Handlung. Er könnte also langweilig sein. Aber er lebt von der Mehrdeutigkeit, die sich aus der Erzählperspektive des erfolglos sie liebenden Mitarbeiters ergibt. Man kreist mit dem Erzähler ständig um die Chefin, folgt ihrem Leben. Im Verlauf der über 300 Seiten ergeben sich immer wieder neue Details. Das Buch lebt von der Sprache NDiayes. Der Text wird getragen von einem ruhigen, tief atmenden Rhythmus und von eindrucksvollen, ja impressionistischen Bildern. Manche Sätze ziehen sich über eine halbe Seite, sammeln Beobachtungen, Gefühle, Eindrücke und Stimmungen. Ein dichter Text.

Wie gefällt es?
Hier wird’s individuell. Man kann sich an der Konstruktion des Buchs mit seinen Mehrdeutigkeiten des Erzählens begeistern, auch an der kunstvollen Sprache. Man kann aber auch genervt sein von diesem kreisenden Erzählen oder auch gelangweilt sein von der Handlungsarmut. Ich fand dieses Buch über die Genialität einer Köchin immer wieder faszinierend. Man muss sich nur drauf einlassen - wie auf ein Gericht mit unbekannten Aromen.

NDiaye, Marie
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518427675
22,00 €
Kategorie:
hr-iNFO