Anke Stelling: Fürsorge

hr-iNFO Büchercheck vom 29.06.2017. "Fürsorge“, der Titel klingt nach einem Sachbuch oder auch nach einem Ratgeber für Mitarbeiter von Pflegediensten. Aber Anke Stelling hat einen Roman geschrieben, einen ganz besonderen sogar. hr-iNFO Büchercheckerin Sylvia Schwab hat den Roman gelesen.

Worum geht es?
Achtung! Dieser Roman packt ein Tabu-Thema an: den Inzest. Nadja heißt die Protagonistin, sie ist Ende 30, war eine berühmte Balletttänzerin und hat das Tanzen gerade an den Nagel gehängt. Sie ist eine zierliche, zeitlos schöne Frau, die sich ihr Leben lang nur über ihren Körper definiert hat. Eines Tages besucht Nadja ihre Mutter und ihren 16jährigen Sohn, der bei der Großmutter aufgewachsen ist. Um ihn hat sich Nadja nie gekümmert, sie kennt ihn nicht. Und diesem großen, muskulösen jungen Mario verfällt Nadja, wie sie noch nie einem Mann verfallen ist. Es entwickelt sich eine hemmungslose sexuelle Beziehung von ungeheurer Wucht. Am Schluss des Romans bekommt Nadja ein Kind, ist also Mutter und Großmutter zugleich.

Wie ist es geschrieben?
Anke Stellings Sprache und ihr Stil sind so kühl und distanziert wie ihre Haltung gegenüber ihren Figuren. Sie schreibt präzise und pointiert, manchmal auch spitz – aber eben mit großer Distanz aus der Sicht einer Bekannten von Nadja. Mit einem Blick für die Gründe und Abgründe ihrer Protagonisten, sehr sensibel – aber wie durch ein umgedrehtes Fernrohr. Nah und fern zugleich. Man kann sich nicht fallen lassen in diese Geschichte, die Figuren sollen dem Leser fremd bleiben. Und ab und zu schlägt die bewusste Sachlichkeit auch um in eine schräge Bosheit.
" Nadja richtet sich auf, sieht zu, wie Mario aus Jacke und Turnschuhen schlüpft. Das Geräusch, das entsteht, als der eine Schuh beim Abschütteln gegen den Bettkasten stößt, lässt Nadja kurz die Augen schließen; als sie sie wieder öffnet, ist Mario schon bei ihr. Nadja ist leicht und unnatürlich biegsam. Mario ist schwer und unnatürlich stark. Er betrachtet Nadja als eine seiner Trainingsmaschinen, dazu vorgesehen, die Funktionen seines Körpers zu verbessern.“

Wie gefällt es?
Der Roman provoziert, auch durch Fragen, die er stellt, aber nicht beantwortet. Was dürfen Mütter mit Söhnen machen? Und Söhne mit Müttern? Wie wäre es, wenn eine Vater-Tochter-Beziehung geschildert würde? Einmal wird im Roman die umstrittene Ausstellung „Körperwelten“ des Anatoms Gunther von Hagens erwähnt. In der ja menschliche Körper aufgeschnitten und plastiniert zur Schau gestellt wurden. Anke Stellings Roman arbeitet ähnlich: er zeigt das Intimste, das Innerste seiner Figuren, und trotzdem bleiben sie kühl und fremd. Und behalten ihr Geheimnis. Ich finde: Ein packender Roman!!

Stelling, Anke
Verbrecher Verlag
ISBN/EAN: 9783957322326
19,00 €
Kategorie:
hr-iNFO